Ist VoIP im Unternehmen angekommen?

Nachdem die Welt nur noch aus zwei-null besteht, hatte ich das Vergnügen, in der letzten Zeit auch einmal wieder etwas über VoIP zu lesen. Hierzu hatten Gunnar Sohn in seinem Artikel „Wie VoIP sind wir???? Keine belastbaren Daten über den VoIP-Einsatz in Unternehmen“ und Detlev Artelt in seinem Artikel „Warum hat VoIP immer noch nicht den Durchbruch in Unternehmen?“ etwas geschrieben. Dieses Thema, vor einigen Jahren noch ein Hype, heute hat man eher den Eindruck, dass es bereits Commodity ist. Aber ist es dies wirklich?

Im privaten Umfeld, so die Berichte, mag dies durchaus der Fall sein, jedoch der Einzug in die Geschäftswelt und der endgültige Durchbruch scheint immer noch nicht erreicht zu sein.

Insgesamt wird in den beiden Artikeln über die Schwierigkeiten bei der Einführung von VoIP in Unternehmen gesprochen. Einige der Aussagen aber, denke ich, sind nicht präzise oder aber auch einfach nicht differenziert genug dargestellt. Ja ich muss sogar leider sagen, dass sie einige populistische Ansichten enthalten, die meiner Meinung nach nichts mit dem Thema VoIP an sich zu tun haben.

In meinem Berufsleben beschäftige ich mich nun schon in unterschiedlichen Funktionen bereits recht lange mit dem Thema Telefonie und bin auch seit 8 Jahren in das Thema VoIP hineingewachsen. Daher möchte ich hier meine Sicht über dieses sicherlich komplexe Thema und insbesondere beide Artikel wiedergeben.

Zu betrachten sind die Akteure in diesem Netz. Dies sind die Hersteller, deren Kunden, Regulatoren, Consulter, Provider, Verbände, aber auch Verbraucher, Aktienbesitzer, Investoren. Dann unsere Gesellschaftsordnung, die von allen Firmen verlangt, Umsatz und Gewinn zu steigern und die Anforderungen der Shareholder zu befriedigen. Auf alle und alles einzugehen wird sicher den Rahmen des Themas sprengen. Daher möchte ich nur zu einzelnen, in den beiden oben genannten Artikeln angesprochenen Gruppen etwas schreiben.

Firmen

Nach meiner Erfahrung ist es schon so, dass sich die meisten Firmen durchaus bei einer Neuanschaffung mit diesem Thema beschäftigen. Oft gibt es jedoch immer noch innerhalb der Firmen zwei verschiedene Abteilungen, die TK-Abteilung und die IT-Abteilung, die für eben das eine Thema VoIP, Sprache über Daten, zuständig sind.

Hierbei ist meistens Konfliktpotenzial vorhanden. Dies hat weniger mit der Technologie zu tun, sondern eher mit Kompetenz und Einfluss. Auch spielt natürlich bei vielen – aus der TK-Abteilung – fehlendes Wissen und damit Vertrauen in die Datentechnik eine große Rolle.

Es werden Berichte aus der Anfangszeit, die sich wie ein Brandeisen in den Kopf gebrannt haben, herangezogen, die dann sagen, dass Qualität, Komfort und Merkmale nicht dem einer traditionellen Anlage entsprechen.

Aus Sicht der IT, wo Sprache nur Daten sind, wird die Komplexität einer Geschäftstelefonie oft unterschätzt. Neben dem Pflegeaufwand sind es auch Begriffe, Philosophie und Anforderungen der Geschäftstelefonie, die nicht jedem bekannt sind.

Dies sind aber nicht ausschließlich Gründe, weswegen Firmen immer noch nicht den Schritt zu VoIP durchgeführt haben. Die Umstellung der Telefonie zu VoIP bedarf eventuell einer hohen Investition. Es ist nicht immer nur das Geld für TK-Equipment, sondern es müssen erst einmal überhaupt die technischen Voraussetzungen im LAN und WAN für VoIP bereitgestellt werden.

Und nicht zuletzt ist es auch wirklich die fehlende Bereitschaft sich nicht nur eine neue TK-Anlage anzuschaffen, weil diese im Trend liegt, sondern sich auch weiter mit einer Gesamtintegration in die Datenwelt und der Betrachtung der eigenen Prozesse zu beschäftigen. Dies ist ein immenser Aufwand und Zeit kostet bekanntlich Geld.

Weitere Gründe sind Verträge, die nicht einfach so gestoppt werden können, nur weil ein neues Feature auf den Markt kommt oder ein neuer Trend geboren wird. Letztendlich ist auch das vorhandene Budget oder einfach nur die fehlende, dringende Notwendigkeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen und es durchzuführen.

Hersteller

Natürlich liegt dies nicht nur an den Firmen selbst, die sich noch nicht entschlossen haben, der traditionellen Telefonie abzuschwören und sich der moderneren Technik VoIP hinzuwenden. Auch die Hersteller selbst, tragen ihren Teil dazu bei.

So erreichen Marketing-Modenamen eine nahezu schwindelerregende Geschwindigkeit. Konvergenz – Unified Messaging – Unified Communications – VoIP – Instant Messaging – Collaboration und das Ganze jetzt sogar Social und 2.0. Diese Namen und auch Funktionen sind großartig, sie erscheinen jedoch in einem Zeitraum, der nicht dem einer Vertrags- und Nutzungslaufzeit vorhandenem TK-Equipments entspricht. Sprich, die Firmen können gar nicht so schnell folgen, wie der Markt – spricht die Hersteller und vorhandene Technologie – will.

Das Zitat in Gunnar Sohns Text von Dr. Jörg Fischer und auch in Detlev Artelts Artikel, die Möglichkeit, heute über den Computer zu telefonieren, betrifft nur einen Teil von VoIP. Sicher bereits auch schon ein Ziel, jedoch will ein Kunde heute noch, in den meisten Fällen ein Endgerät auf seinem Tisch stehen haben. Auch dies ist VoIP und funktioniert darüber. Die Möglichkeiten der Technologie verankert sich einfach nicht so schnell in den Köpfen wie sie produziert werden.

Consulter

Mit im Spiel befinden sich auch Consulter. Consulter haben neben der Beratung der Firmen auch die Aufgabe, den Markt zu gestalten und wollen, nicht vergessen, auch damit Geld verdienen. Ein gutes Beispiel hierfür bietet die Einführung von SIP als allumfassendes Kommunikationsprotokoll.

Hier wurde bereits in der Anfangszeit von SIP, die in meinen Augen damals völlig unrealistische Forderung gestellt, billigste Endgeräte an eine x-beliebige zentrale TK-Instanz bei gleichem Leistungsumfang anzuschließen. Dieser Forderung konnte damals einfach noch nicht entsprochen werden. Damals war die Normierung von SIP einfach noch nicht soweit, ja sie ist heute noch nicht soweit, dass alle liebgewonnenen Leistungsmerkmale (den Begriff möchte ich auch nur einmal verwenden) aus dem TK-Umfeld abgebildet werden konnten. Dies führte auch zur Unsicherheit der Endkunden, die dann einfach den Umstieg auf VoIP nach hinten verschoben.

Hersteller verwenden daher weiterhin einfach ihr eigenes Protokoll oder mittlerweile auch SIP, welches sie, was auch im Standard erlaubt ist, mit eigenen Protokollelementen angereichert haben. Die eigenen Protokolle mögen, wie Detlev Artelt sich ausdrückt, „Steinzeit-Protokolle“ sein, aber Kunden leben auch im Spannungsfeld Kosten – Funktionen – Zuverlässigkeit. Daher wird ein Endgerät mit herstellerspezifischem Protokoll bzw. Protokollerweiterungen sicher die Anforderungen des Kunden besser erfüllen, als ein x-beliebiges Endgeräte von Discounter nebenan.

Aber, ohne die ständigen Forderungen an Hersteller und Endkunden wären wir heute mit SIP noch nicht so weit.

Carrier

Die Kritik an den Carriern in Detlev Artelts Artikel kann ich so nicht nachvollziehen. Der Verbraucher erwartet bei der Bereitstellung einer Leistung die volle Funktion oder mehr, die gleiche Sicherheit oder eine höherer oder auch die Verfügbarkeit oder sogar einen bessere als er heute schon hat. Soll nun für mehrere Millionen Kunden eine neue Technik herausgebracht werden, so muss diese funktionieren. Dies ist ein Grund, weswegen weiterhin ISDN-Anschlüsse vermarktet werden, aber auch einfach daran, dass Carrier gewinnorientierte Firmen sind. Dies sich allerdings bewusst zu machen, fällt vielen schwer. Neue Technologie ist für Carrier kein Selbstzweck oder eine soziale oder gemeinnützige Leistung.

Trotzdem sollten neue Technologie ständig fordern werden. Damit sind Firmen und Carrier gezwungen sich ihnen zu stellen und diese einzuführen. Der Druck auf den Markt muss aufrecht erhalten werden, damit sich die Technik und auch das Bewusstsein weiterentwickeln.

Meine Sicht

Detlev Artelt bemerkt in seinem Artikel, dass einige Hersteller immer noch ISDN-Systeme verkaufen. Meine Erfahrung ist, dass große Hersteller wie z.B. Avaya, Cisco, Alcatel-Lucent oder Siemens ein reines ISDN-System gar nicht mehr führen bzw. noch nie führten. Selbst ein Hybrid-System, was gerne aus unterschiedlichen Gründen noch angeführt wird, ist ein reines IP-System, wenn die Lösung keine traditionellen Schnittstellen aufweist.

Die im Artikel weiter angeführten „Knebelverträge“ habe ich in den letzten 8 Jahren nicht mehr erlebt. Früher wurden TK-Anlagen mit 10-Jahresverträgen verkauft und der Option, bei einem Zukauf, die Laufzeit wieder bei Null zu starten. Heute sind durchaus nur noch 5- manchmal sogar nur 3-Jahresverträge üblich, die auch nicht die Option einer automatischen Verlängerung bei einer Bestandsänderung während der Laufzeit beinhalten.

Der Einwand bezüglich der Sicherheit in Gunnar Sohns Artikel sollte auch relativiert werden. Es entsteht immer der Eindruck, dass Telefonie seit der Einführung von VoIP unsicher ist und es neuer und besonderer Schutzmaßnahmen bedarf. Zum einen waren früher analoge Nebenstellen genauso leicht abzuhören, wie heute unverschlüsselte IP-Gespräche innerhalb der Firmen. Zum anderen, wenn unverschlüsselte IP-Gespräche unsicher sind, dann ist die Frage, sind es die unverschlüsselten Daten, die auf dem gleichen Netzwerk verkehren, auch? Innerhalb der Firmen sprechen wir immer von einem geschlossenen, nicht öffentlichen Netzwerk. Mit entsprechender Einstellung des Netzwerkverkehres, mit dem Einsatz von Verschlüsselungstechnologie und dem definieren Übergang ins öffentliche Netzwerk ist VoIP mindestens genauso sicher wie Daten und traditionelle Telefonie im Unternehmen.

Aus Sicht traditioneller System erscheinen VoIP-Systeme wie eierlegende Wollmilchsäue. Und wie bereits gesagt, erscheinen diese tollen Funktionen in einer Geschwindigkeit, die ein Normalanwender in einer Firma nach 20 Jahren traditioneller Telefonie, einfach nicht mehr folgen kann. Nichtsdestotrotz sind diese Funktionen und vor allem Möglichkeiten da, zugegeben marketingmäßig aufgehübscht. Aber das Beschäftigen und sich ganz darauf einlassen ist wie der Umstieg von einem Opel Kadett A in einen Porsche Panamera oder der Schock und die Überraschung eines Neandertalers in unserer heutigen Zeit (oder sonst eine Automarke oder ähnlicher Vergleich).

Das Thema selbst hat seit 2-3 Jahren sogar weiter an Fahrt aufgenommen, indem Microsoft, IBM, Google, ICQ und Skype in den Telefoniemarkt eintraten. Durch deren Präsenz wird die Ausstattung der Arbeitsplätze sicher schneller das Ziel, nur noch einen Kopfhörer an den PC oder Laptop zu stecken, erreichen. Die weiteren Auswirkungen durch diese Akteure auf den Markt und die traditionellen Firmen wären es Wert, in einem gesonderten Beitrag zu betrachten.

*Leerzeile*

Alles in allem ist es sicher richtig, dass gerade wir in Deutschland ein deutliches Beharrungsvermögen zeigen und der Einführung neuer Technologien eher negativ und abwartend entgegenstehen. IP-Centrex ist in anderen Ländern der Renner, hier wird der Weg zum großen Durchbruch in Deutschland beschwerlich, auch wenn es chic und oft auch sinnvoll wäre. VoIP aber wird weiterhin seinen Weg machen, wenn auch viel langsamer als in anderen Ländern. Es ist eine Kopffrage, ja, und der deutsche Kopf braucht lange.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Telekommunikation

Eine Antwort zu “Ist VoIP im Unternehmen angekommen?

  1. Soweit sind wir in der Analyse ja nicht von einander entfernt. Es gibt in großen Firmen die „Machtkämpfe“ zwischen der TK- und IT-Fraktion. Es gibt Probleme, bestehende Investitionen über den Haufen zu schmeißen. Es gibt Unsicherheiten im Verständnis der Technologie (dazu trägt auch die Phrasendrescherei der Anbieter, Consulter und Fachmedien bei. Es gibt keine gute Bestandsaufnahme über den Ist-Stand in der Unternehmenswelt (weder Bitkom noch die Bundesnetzagentur geben klare Antworten). Und es gibt bei den Anbietern ein mangelhaftes Verständnis von Firmen, die eigentlich überhaupt nicht daran interessiert sind, unter die VoIP-Motorhaube zu schauen – beispielsweise inhabergeführte Unternehmen.

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